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Über das Vergessen als literarische Technik — und als Überlebensstrategie

Man vergisst selektiv. Das weiß jeder. Was weniger bekannt ist: Gute Literatur funktioniert nach demselben Prinzip. Sie lässt weg, was stört, betont, was wirkt — und nennt das dann Wahrheit.

Ich frage mich seit Längerem, ob das eine Kritik ist oder ein Kompliment. Wahrscheinlich beides. Und wahrscheinlich ist die Tatsache, dass ich mich das schon so lange frage, selbst ein Zeichen dafür, dass das Thema etwas Unbequemes hat, dem man lieber ausweicht.

Wenn ich schreibe, wähle ich aus. Das ist keine Offenbarung, sondern eine Banalität — aber Banalitäten verdienen manchmal mehr Aufmerksamkeit, als man ihnen gibt. Jeder Satz, den ich setze, ist hundert Sätze, die ich nicht geschrieben habe. Jede Szene, die ich zeige, enthält tausend Details, die ich weggelassen habe. Meistens weiß ich nicht einmal genau, warum.

Das Gedächtnis als Ghostwriter

Es gibt eine Forschung in der kognitiven Psychologie, die mich nicht loslässt: Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, verändern wir es leicht. Das Erinnern selbst ist ein Akt der Überarbeitung. Wir denken, wir rufen etwas ab — aber tatsächlich schreiben wir es jedes Mal neu.

„Das Gedächtnis ist kein Archiv, sondern ein lebendiger Organismus. Es vergisst nicht — es überarbeitet.“— Aus einem Gespräch mit einer Neurowissenschaftlerin, deren Namen ich vergessen habe

Das ist natürlich absurd komisch, wenn man es zu Ende denkt. Ich erinnere mich an ein Gespräch über das Vergessen. Ich habe dabei den Namen meines Gesprächspartners vergessen. Mein Gedächtnis hat mir damit den besten Beleg für seine eigene These geliefert.

Was hat das mit Literatur zu tun? Alles, würde ich sagen. Wenn Literatur aus Erinnerung besteht — und sie besteht immer aus Erinnerung, auch wenn sie Fiktion ist —, dann ist sie immer auch ein Produkt dieses ständigen Neuschreibens.

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marco

Autor aus Simbach

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